5 Meta_Morph | Poggenhagen
2527
portfolio_page-template-default,single,single-portfolio_page,postid-2527,qode-social-login-1.1.3,stockholm-core-2.1.9,select-child-theme-ver-1.1,select-theme-ver-7.8,ajax_fade,page_not_loaded,,qode_menu_,wpb-js-composer js-comp-ver-6.6.0,vc_responsive

5 Meta_Morph | Poggenhagen

Peter Simon

täglich 8 – 23 Uhr

REINHÖREN

Das 1704 errichtete Rittergut Poggenhagen liegt 20 km nordwestlich von Hannover zwischen dem Fluß Leine und dem Moor. 2002 wurde es zum KulturGut Poggenhagen, das seit 2004 Kunstprojekte vor Ort ermöglicht, deren Spuren bis heute sichtbar sind. Gutshaus, Fachwerk-Kornspeicher, Parkanlage, ArtLabs und Wald spiegeln die sich wandelnde Nutzung der Natur in landwirtschaftlicher und ästhetischer Hinsicht wieder und sind gleichzeitig Zeugnis einer Wohn- und Lebenskultur, die sich verändert.

 

Der Künstler und Komponist Peter Simon hat zwei Klanginstallationen im Rahmen der IntraRegionale geschaffen, eine für den Gutspark und eine zweite für den Bovista, ein sogenanntes Artlab, in dem Künstler in kleinstem Raum wohnen und arbeiten können. Thematisch greift er das Verhältnis von Mensch und Natur anhand der Bioakustik auf, ein Forschungsgebiet, das die Geräuscherzeugung und Kommunikation von Tieren und Organismen untersucht. Peter Simon widmet sich in seinen Arbeiten der Frage wie die Natur mit dem Menschen kommuniziert, ob die menschlichen Sinnesorgane die Vielfalt der Naturklänge wahrnehmen und verstehen können bzw. welche Mißverständnisse und Übersetzungsfehler entstehen.

 

Im Park wurden drei Lautsprecher auf Stativen aufgestellt, deren kastenförmige Hülle mit kleinen viereckigen Spiegeln bedeckt ist. Sie bilden eine Art von Mosaik und lassen die Lautsprecher zu eigenständigen ästhetischen Objekten werden. Der Park spiegelt sich in der Oberfläche, so dass die Kästen aus der Ferne grün wirken, ähnlichem einen Chamäleon, das sich seiner Umgebung anpasst. Als weiteres Kunstobjekt steht ein Stahlrahmen in unmittelbarer Nähe zu den Lautsprechern, der wie eine Zeichnung in der Luft einen Kubus im Freiraum andeutet. Das geometrische Objekt hat eine leichte Neigung und somit eine instabile Position. Es wird zum Zeichen im Raum, dass etwas aus dem Lot geraten ist und zu kippen droht.

 

Über die Lautsprecher wird eine mehrkanalige Klanginstallation hörbar, die mit Geräuschen aus der Natur arbeitet. Weiter Umgebungsgeräusche wie der Straßenverkehr oder die Flugzeuge, die über dem Kulturgut Poggenhagen den Flughafen Langenhagen anfliegen, bilden einen eigenen akustischen Rahmen um die verfremdeten Naturklänge aus den Lautsprechern. Im Zusammenspiel der verschiedenen Klänge wird eine artifizielle Klanglandschaft hörbar. Dies lässt eine offene Situation entstehen, bei der die Reflexion von Klang auf verschiedenen Ebenen stattfindet und gleichzeitig visuell als Verhältnis von Innen- und Außenraum, Spiegelung und Verfremdung in den Objekten erscheint.

 

Die zweite Klanginstallation von Peter Simon befindet sich im Inneren des Bovista, einem Holzhaus, dessen Treppenstruktur bereits von außen sichtbar ist. Diesen betritt man einzeln, erklimmt die Stufen und legt sich oben auf eine Holzfläche, um die Klangwirkung zu hören und zu spüren. Sichtbar im Raum sind grüne Kabel, die mit sog. „Transducern“ verbunden sind, die sich an den Holzwänden befinden. Sie wandeln Klänge der Umgebung von Poggenhagen wie Vogelstimmen in Vibrationen, so dass das gesamte Gebäude in Schwingungen versetzt wird. Diese spürt man körperlich über die Holzfläche auf der man liegt, während gleichzeitig die Außengeräusche in den Raum eindringen und eine weitere Ebene bilden.

 

Das Klang nicht nur eine akustische Erfahrung ist, sondern auch eine körperliche Wirkung haben kann, ist im Alltag wenig präsent. Schwingungen, die bis in den Bauch hinein gefühlt werden können oder Bodenvibrationen auslösen, entstehen über bestimmte Frequenzen bei Konzerten. Auch Schmerzempfinden kann durch unangenehme Tonlagen ausgelöst werden und sich körperlich niederschlagen. Im Bovista wird die körperliche Erfahrbarkeit von Klang ganz bewußt herbeigeführt und hält auch nach Verlassen des Raumes noch einige Zeit an bis sie langsam ausklingt. Damit erweitert sich das menschliche Wahrnehmungsspektrum zumindest temporär.

 

Forschungen haben ergeben, dass Tiere und Pflanzen akustische und visuelle Eindrücke ganz anders wahrnehmen und verarbeiten als Menschen. Andere Frequenzen wie Ultraschall, den Fledermäuse nutzen, oder Farben wie Ultraviolett können von Bedeutung sein. Das Wissen darüber lässt ahnen, dass die Auswirkungen menschlicher Eingriffe in die Natur komplexer sind und sich nicht auf das unmittelbar Sicht-, Hör- oder Spürbare beschränken. Die Arbeiten von Peter Simon machen Kommunikationsformen temporär bewußt, die an der Schnittstelle von Natur und Mensch im Verborgenen liegen.

www.p3c7.de
p3c7.bandcamp.com

Reinhören: Andreas Hagelüken

Text: Julienne Franke

Fotos: Jürgen Brinkmann

Ort der Klangkunst-Installation

Bovista | Poggenhagen

Öffnungszeiten

täglich 8 - 23 Uhr