2 Kompass | Benthe
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2 Kompass | Benthe

Peter Kutin

täglich 9 – 21 Uhr

REINHÖREN

Ein Kompass besteht aus einer magnetischen Nadel, die sich in Richtung des Erdmagnetfeldes am Nord- oder Südpol ausrichtet. Ab dem 11. Jahrhundert fand eine solche schwimmende Nadel als „nasser Kompass“ bereits in China Verwendung, ab dem 12. Jahrhundert auch in Europa. Der „trockenen Kompass“, bei dem die Nadel auf einem Stift aufliegt, wurde im 13. Jahrhundert entwickelt und mit einer Windrose kombiniert, die den Seeleuten das Navigieren erleichterte.

 

Was hat ein Kompass mit den Bergterrassen Benthe ca. 15 Kilometer westlich von Hannover zu tun? Das zwischen 1879 und 1974 florierendem Ausflugslokal am Benther Berg bot bis zu 1.500 Sitzplätze im Freien an und lockte mit eigener Hauskapelle mittwochs und am Wochenende Leute aus Hannover und der Region zum Tanz. Nach mehr als 100 Jahren verlor es seine Anziehungskraft und brannte 1975 vollständig ab. Seitdem werden die Ruinen von Büschen und Bäumen überwuchert und geraten verborgen hinter einer Mauer zunehmend in Vergessenheit.

 

Doch jetzt dringen wieder Stimmen und Klänge aus dem Areal, brüchig, gläsern und fragil wie die Gesteinstrümmer und Mauerreste, die als Relikte der Vergangenheit noch sichtbar sind. Der Künstler Peter Kutin hat das Thema der Vergänglichkeit für seine Klanginstallation „Kompass“ aufgegriffen und mit der Frage nach der Orientierung bzw. Orientierungslosigkeit verknüpft. Die vierkanalige Klanginstallation mit einer Laufzeit von 12 Stunden ordnet Klänge den vier Himmelsrichtungen zu. Hoch in den Laubbäumen rund um die Ruinen sind vier Lautsprecher installiert, die verschiedene akustische Felder schaffen, die fluktuieren und damit keine konstante Richtung vorgeben.

 

Die Frage nach der Möglichkeit einer Orientierung anhand von klanglichen Ereignissen wird virulent. Das Ohr muss die Aufgabe der Kompassnadel übernehmen und sich anhand von akustischen Eindrücken ausrichten, die ziellos kreisen, mäandern und zwischen Norden, Süden, Osten und Westen springen. Mal gelingt eine Annäherung an die Geräuschquelle, dann geht sie verloren, die Richtung wechselt, eine neue Suche beginnt, bleibt in der Schwebe und lässt keine Sicherheit aufkommen.

 

Der Zustand der Orientierungslosigkeit ist einer der Anspannung und Unruhe – mit diesem arbeitet Peter Kutin in seiner Installation „Kompass“. Sich im Wald zu verlaufen, orientierungslos auf dem Meer zu treiben, auf eine Reise mit ungewissem Ausgang zu gehen, sind Themen aus Märchen und Mythen wie „Hänsel und Gretel“ und der Odyssee. Aber vor allem sind es Zustände heutiger Zeit, die durch Krieg und Flucht, Armut und Ausbeutung entstehen. Daher setzt Peter Kutin neben gläsernen, fragilen Klängen auch Stimmen ein, die in den 27 Sprachen der EU-Mitgliedsstaaten Texte lesen, die das illegale Zurückweisen von Migrantinnen und Migranten an den Grenzen verurteilen. Keinen Ort zu finden, an dem man „Ruhe hat“, um „in Ruhe und Frieden leben“ zu können, umher zu irren, abgewiesen zu werden und im Ungewissen zu bleiben, lässt die Brüchigkeit menschlicher Existenz in aller Deutlichkeit zu Tag treten. Die Möglichkeit der Orientierung ist stets an Orte gebunden, je vertrauter, je sicherer mögen sie erscheinen.

 

Mit seiner Klanginstallation „Kompass“ trägt Peter Kutin dieses Thema an einen Ort, an dem die Musik verklungen, das Lachen und die Gespräche verstummt sind – wo einst Trubel herrschte, herrscht jetzt Schweigen, Ruinen zeugen von Vergänglichkeit. Peter Kutin gibt den Besucherinnen und Besuchern die Gelegenheit zum Innenhalten und zur Reflexion über den eigenen Standort und den gesellschaftlichen Zustand. Dabei weist das Werk von Peter Kutin als „moralisch-nicht-temperierter Kompass“ in keine Richtung, sondern lädt zum bewußtem „Aufhören“ ein. Die Nadel zeigt folglich nach Innen.

www.kutinkindlinger.com
kutin.klingt.org

Reinhören: Andreas Hagelüken

Text: Julienne Franke

Ort der Klangkunst-Installation

Bergterrassen | Ronnenberg-Benthe

Öffnungszeiten

täglich 9 - 21 Uhr