12 Soundexperimente | Expo Plaza
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12 Soundexperimente | Expo Plaza

Hochschule Hannover

Täglich 18-20 Uhr

REINHÖREN

Die Hochschule Hannover mit der Fachrichtung Experimentelle Gestaltung ist der Ort der IntraRegionale 2021, der nicht Teil des Ausschreibungsverfahrens war. Bei den hier zu hörenden Klangkunstwerken handelt es sich um Arbeiten der Studierenden der Hochschule, die unter der Leitung von Barbara Hindahl und André Alder in jeweils unterschiedlichen Kursen betreut wurden.

 

Ort und Bezugsobjekt für die studentischen Arbeiten ist das zur EXPO 2000 errichtete Gebäude Planet MID, ein ovaler Baukörper, der auf Stützen steht. Das Gebäude stellt bereits eine architektonische Besonderheit dar und war während der EXPO ein Publikumsmagnet. An der Unterseite des Gebäudes wurde unter Anleitung des Elektroingenieurs Klaus Zimmer ein 6-Kanal-System installiert. Die räumliche Verteilung der sechs Lautsprecher und die architektonische Situation mit dem schwebenden Gebäude einerseits, der Lärmschutzwand und der Mauer des direkt anschließenden Gebäudes andererseits erzeugen einen akustischen Raum, der an einen Orchestergraben erinnert.

 

Die Voraussetzungen für die räumliche Anordnung der sechs Lautsprecher eine Klangkomposition zu entwickeln, war für die Designstudierenden des Wahlkurses AUDIO bei Barbara Hindahl eine besondere Herausforderung. Aufgrund der Schutzmaßnahmen vor dem Coronavirus mussten ihre Klangaufnahmen mit dem Handyrekorder erfolgen und eine Partitur mit sechs Spuren gestaltet werden, ohne diese im Vorfeld testen zu können. Erst kurz vor der Eröffnung waren die sechs dafür angebrachten Lautsprechern nutzbar und die Wirkung der Stücke noch zu bearbeiten. Bei der Verwendung des akustischen Materials ging es nicht um die Komposition eines Werks im musikalischen Sinne, sondern um eine künstlerische Untersuchung der räumlichen Eigenschaften und der Bedeutungsfelder von Klängen.

 

Der Fokus der Arbeiten von Lucas Torres Eisermann, Markus Franz, Irina Graef, Sabrina Heizer, Soichiro Udo, Carsten Weers, Alexander Ziegler und Till Achteresch liegt auf der Bewegung von Klängen im Raum, wobei Beziehungen verschiedener Art zwischen den Schallquellen hergestellt werden. Ausgangsmaterial können Alltagsgeräusche und selbst erzeugte Klänge sein wie Reiben, Schaben und Schlagen in Innen- und Außenräumen, wobei die Studierenden unterschiedliche Ansätze und thematische Schwerpunkte verfolgen.

 

Orchestral angeordnete Klänge und Geräusche mit Unterbrechungen ließen ein symphonisches Erlebnis entstehen. Die Verarbeitung des Klavierübens einer Hausbewohnerin erzeugte eine dialogische Beziehung mit größtmöglicher Transparenz im Raum. Die futuristisch-exterrestrische Anmutung des Gebäudes Planet M, die an ein gelandetes Raumschiff erinnert, regte zu einer sphärisch-psychedelischen Komposition an, die auf die Resonanzen von Gitterstäben in der Innenstadt zurückgehen.

 

Studierende der Experimentalfilm-Kurse von André Alder haben die Beziehung zwischen Bild und Klang sowie die Wandlung in beide Richtungen thematisiert. Bezugspunkte sind das Klangstück „Weekend“ vom Regisseur und Trickfilmer Walter Ruttmann, die Musique concrète von Pierre Schaeffer sowie die gezeichnete Tonerzeugung des Filmemachers Norman McLaren. Der russische ANS-Synthesizer wandelte bereits in den 1950er Jahren Grafik in Sound um und liegt als Software vor, die von den Studierenden für eigene Arbeiten genutzt werden kann.

 

Nick Duwald, Shiwen Wang und Michael Zimmermann erstellten Beiträge für die Präsentation am Planet MID. Auch hier spielte die Architektur eine Rolle, die als Durchgangsort oder „lost place“ wahrgenommen wird. Technische, statt naturnahe oder menschliche Geräusche erzeugen eine futuristisch-dystopische Klangatmosphäre, die auf einen außerirdischen Ort und unbekannte Kommunikationsformen verweisen. Die Vorstellung einer Katharsis, die mit einer akustischen Vorahnung beginnt, in einer Katastrophe kulminiert und als Stille endet, wird thematisiert. Eigene Gedanken zum Planet MID auditiv mitzuteilen, Bilder in Töne zu verwandeln oder konkrete Geschichten wie die eines „Inselgeistes“ einzubeziehen, sind Leitmotive innerhalb der Kompositionen.

 

Das Aufeinandertreffen der futuristischen Architektur mit den individuellen Klangkompositionen der Studierenden ermöglicht vor der Kulisse des ehemaligen Expogeländes eine Vielzahl neuer Wahrnehmungsmöglichkeiten. Über das Ohr und vor oft menschenleeren Plätzen entstehen Vorstellungen im Kopf, die von medialen Bildern und realen Erfahrungen gespeist zu neuen Interpretationen eines vorhandenen Umfelds anregen.

Reinhören: Andreas Hagelüken

Text: Julienne Franke

Video-Stills: Lars Beuko

Ort der Klangkunst-Installation

Planet MID | Hannover

Öffnungszeiten

Täglich 18-20 Uhr